Wundersame Heilungen aus Epidauros (Teil 1)

Epidauros ist ein unglaublich interessanter Ort. Siedlungsspuren gehen auf das 3. Jahrtausend v. Chr. zurück und die politischen Verbindungen in den folgenden Jahrhunderten trugen doch ein wenig zur Gesamtgeschichte der Antike bei. Gleichzeitig war Epidauros aber auch (und eigentlich in erster Linie) eine bedeutende Kultstätte mit Tempeln unter anderem für Apollon und Asklepios.

Apollon ist seit jeher ein sog. ambivalenter Heilgott, der Krankheiten nehmen und Leid lindern kann, gleichzeitig aber auch Schmerzen, Krankheit und Tod verteilen kann. Das zeigt er hervorragend in der Ilias von Homer, die – das wisst ihr alle – vom Trojanischen Krieg erzählt. Mit zunehmender Relevanz des Asklepios als Heilgott sank aber die Bedeutung Apollons in dieser Hinsicht. In Epidauros war Asklepios dann so wichtig, dass sich das Heiligtum zum überregionalen, quasi internationalen Hotspot für die Heilungen verschiedener Krankheiten entwickelte.

Um diese Relevanz auch zu zeigen und zu belegen wurden einige steinerne Pfeiler aufgestellt, auf denen inschriftlich einige der Heilungen festgehalten wurden. Leider haben nicht alle Inschriften die Zeit überstanden, aber immerhin drei Pfeiler konnten (fast) komplett rekonstruiert werden und erzählen von den diversen Weh-Wehchen, den zugehörigen Heilungsgeschichten und den teils skurrilen Aussagen von Patienten und Asklepios. Zusammengetragen und übersetzt wurden sie dann am Anfang des 20. Jahrhunderts von Rudolf Herzog.

Ein paar Worte zu den Heilungen vorweg

Ein paar Sachen muss ich aber noch vorher erklären. In den Inschriften wird in fast allen Fällen erwähnt, dass die betreffende Person „im Heilraum schlief“. Für damalige Verhältnisse vollkommen nachvollziehbar, muss ich es doch für heute erklären: Zu den Heiligtümern des Asklepios gehörte auch ein Inkubationsraum, quasi ein Schlafsaal, in dem einzelne Bereiche wohl auch abgetrennt werden konnten. Patienten wurden hier einquartiert und durch den Gott behandelt, der ihnen auch im Traum erschien.

Man kann eigentlich davon ausgehen, dass die Heiler, Priester und Tempeldiener die eigentlich agierenden Figuren waren und die Patienten nur das Gesicht des Gottes sahen – vielleicht waren es Masken. Eine tatsächliche Begegnung im Traum sollte auszuschließen sein. Andererseits sind einige der Heilungen wirkliche Wunderheilungen oder wenigstens Wunder. Deswegen nehmen wir jetzt mal an, dass es so geschah wie es niedergeschrieben wurde. Viel Spaß also beim Eintauchen in die mystischen Vorgänge antiker Medizin und Krankheitsbehandlung.

Von Steinleiden und Schwangerschaften in Epidauros…

Anfangen möchte ich mit dem Knaben Euphanes, der steinleidend war. Er litt also an Nierensteinen, Gallensteinen oder anderen Steinen in seinen Organen, die ihm das Leben erschwerten. Als er im Heilraum in Epidauros schlief und im Traum Asklepios begegnete, fragte dieser, was Euphanes ihm geben würde, wenn er ihn gesund machen würde. Der Junge versprach ihm „Zehn Klicker“, wobei ich zugeben muss, dass ich noch keine Ahnung habe, was damit gemeint ist. Asklepios aber fand das wohl urkomisch, hat gelacht und den Jungen gesund gemacht.

Dass Asklepios wohl irgendwie ein bisschen schelmisch war, zeigt auch die Geschichte von Isthmonike aus Pellene. Sie hatte schon länger den Wunsch, ein Kind zu bekommen und ging deswegen ins Heiligtum; heute würde man für sowas andere Orte aufsuchen, eine Spezialklinik oder eine Bar mit Happy Hour, aber so geht es scheinbar auch. Sie schlief also im Inkubationsraum und sagte im Traum Asklepios, dass sie mit einem Mädchen schwanger sein möchte. Der sagte, dass das klar geht und sie was sagen soll, wenn sie noch einen Wunsch hat. Sie verneinte und wurde tatsächlich schwanger.

Blöd daran war nur, dass sie das Kind drei Jahre in sich trug (der Rekord stammt aber aus der Geschichte davor und beträgt fünf Jahre). Danach ging sie wieder ins Heiligtum, schlief dort erneut und träumte wieder von Asklepios. Der fragte sie, ob sie nicht alles hätte und schwanger sei, denn über eine Geburt hat sie ja nichts gesagt, obwohl er gefragt hat, ob sie noch einen Wunsch hätte. Als sie jetzt wegen der Geburt nachfragte, gewährte Asklepios ihr das auch gerne und kurz nach Verlassen des Heiligtums brachte sie ein Mädchen zu Welt.

… und von Blindheit und Schwindsucht

Hermon von Thasos erwischte es nicht ganz so gut als er blind ins Heiligtum von Epidauros kam. Dort schlief er und wurde tatsächlich von Asklepios geheilt. Seine Dummheit bestand aber darin, dem Gott den Heildank vorzuenthalten. Asklepios nahm also kurzerhand die Heilung zurück und Hermon wurde wieder blind. Erst als er nochmal im Heilraum schlief und dann auch dem Gott dankte wurde die Blindheit entgültig kuriert. Ob Asklepios damit auch als ambivalenter Heilgott anzusehen ist, lasse ich jetzt mal offen. Aber zumindest konnte er wohl seine Patienten nochmal einbestellen, wenn es sein musste.

Die Geschichte von Thersandros aus Halieis ist dann aber wieder eine ganz andere. Der Mann kam mit Schwindsucht in das Heiligtum in Epidauros und schlief im Heilraum. Asklepios hatte aber wohl gerade keine Sprechstunde und erschien ihm nicht im Traum. Etwas gefrustet ließ sich Thersandros wieder nach Hause bringen. Um die Achse des Wagens hatte sich aber eine der heiligen Schlangen gewickelt, die so den Weg aus dem Heiligtum fand und dann in Halieis den Thersandros heilte. Die Verwirrung war groß und man fragte sich, was jetzt mit der Schlange passieren sollte. Das Orakel in Delphi wurde befragt und gab den Auftrag, die Schlange in Halieis zu behalten und dort ein Heiligtum für Asklepios zu gründen – die Heilfähigkeiten waren ja schon dort, deswegen lag das wohl auch nahe. Was die Schlange aber genau getan hat, wurde leider nicht überliefert.

Fortsetzung folgt…

Das soll es jetzt erstmal gewesen sein, in den nächsten Tagen gibt es aber Teil 2 der Wunderheilungen, die – meiner Meinung nach – ähnlich faszinierend und skurril sind wie diese hier. Daher: Bis bald!